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Leseproben

1 Das Rauschen des Raumes
2 Das letzte Gesicht
3 Dem Himmel abhanden
4 Der Grottengeiger


1

Ich liebe die Zukunft, die vor mir liegt wie eine weite Ebene, und meine Sehnsucht zieht hinaus, und die Träume werfen keine Schatten und hinterlassen keine Spuren. Ich liebe diese Unberührtheit, in die ich hineingehe, unaufhaltsam. Auch jetzt, wo ich alt bin und ausser dem Tod nichts mehr zu erwarten habe.
Ich habe immer ungern zurückgeblickt. Hinter mir liegt ein düsteres Gebirge, voll von nebligen Gipfeln und Schluchten, über denen es wetterleuchtet, und den Fels entlang streicht dumpfer Donner. Giftiges Gewürm kriecht aus feuchten Felsspalten, von modrigen Steinen tropft das Wasser, und gelbe bleierne Dämmerung erstickt das Firmament. Ich ginge nie in diese Landschaft zurück, läge nicht der Silberfaden darin, den er spann. Der Faden zieht eine Spur weit ins Gebirge hinein und aus den Tiefen der Vergangenheit zu mir und durch mich hindurch. Wie eine Spindel sitzt die Gegenwart in der Mitte meiner Brust und zwirnt aus dem Schleierlicht der Ebene vor mir noch immer den hauchdünnen Faden, Unablässig. Unbarmherzig.
Dieses Fadens wegen gehe ich manchmal zurück in die Dämmerung. Dann, wenn das Licht der Zukunft mich müde blendet und die Sehnsucht mich erschöpft. Die Spindel schmerzt. Meine Erinnerung tastet sich den Faden entlang in das unübersichtliche Dunkel hinein. Das Silber läuft kühl und klar durch meine Finger. Ich schaue nicht links udn nicht rechts. Ich schliesse die Augen. Ich will nichts sehen. Ich will nur blind den Faden spüren, der alles zu schmalem Glanz verklärt. Ich lasse nichts anderes zu. 
Ich bin alt, und die Geschichte, die meine Erinnerung ertastet, ist die Geschichte einer Liebe. Sie haftet wie ein schwarzer Widerschein dem Silberfaden an. Meine Erinenrung gehört ihm, der den Faden spann, und die Geschichte, die ich erzähle, ist seine geschichte. Es ist die Geschichte von Tobias Duchent. Und meine. Ich bin foiebrig. Ich schlucke Drogen. Viele Drogen. Seit ich angefangen habe, die Erinnerungen aufzuzeichnen, hat sich die Dosisfast verdoppelt. Elnia betrachtet es mit Besorgnis. Was du aufschreibst, sagt sie, ist nicht die Wahrheit. Ich weiss es. Ich bin krank an ihm. Der Silberfaden schneidet in meine Hände, und ich weiss, dass ich in die Gegenwart zurückkehren sollte. Aber ich kann nicht. Welch Narr ich bin  ...
Willst du die Geschichte hören? Die Geschichte eines Narren? Ich erzähle sie dir.

Das Rauschen des Raumes, 2002


2


Er sitzt im Sessel am Fenster. Er schaut weg von mir. Ich kann nur einen Teil seines Rückens erkennen, die hohe Linie, den wirren dunklen Schopf. Er hat die Beine übereinandergeschlagen. Er trägt die schwarzlederne Motorradkluft. Die Jacke mit dem schmalen Stehkragen, die eng anliegenden Stiefel. Ich bin stehen geblieben.
Licht quillt durchs Fenster, zeichnet einen Halo um ihn. Er hebt träge seinen rechten Arm. Er dreht sich nicht um. Etwas blitzt auf. Er hält einen Stein zwischen Daumen und Zeigefinger. Licht springt hinein, bricht und streut einen Schwarm spektralfarbener Punkte in den Raum. Sie beginnen zu wandern. Fliessen langsam über die hohe weisse Gipsdecke mit dem Stuck, über die Wände, das Bücherregal, den Tisch, die Stühle, die ausgetretenen Riemen des Holzbodens und steigen wieder auf an die Decke. Sie wandern im Kreis. Es ist still. Zeitloser Augenblick. Ich atme die ionisierte Luft, in der ich einen Hauch seines Duftes wahrzunehmen glaube, sein Rasierwasser, Leder. Ich bin mir nicht sicher. Es ist zu real und gleichzeitig zu surreal. Ich bin mir nie sicher in diesem Moment, bevor er dieses eine Wort sagt: Röschu. Er spricht meinen Namen aus in der für ihn typischen Berner Lautung, das R kaum angedeutet, das Ö dunkel, das Sch weich und offen, gefolgt von diesem kurzen, hellen U. Als würde er meinen Namen französisch aussprechen: rejou.
Ich träume es immer wieder. Immer dasselbe Bild. Ich habe mir antrainiert, im Traum zu wissen, dass ich träume. Ich habe mir antrainiert zu erwachen, sobald er meinen Namen sagt.

Das letzte Gesicht, 2020


3


Eisige Luft. Die Beine schmerzen. Jeder Schritt eine Qual. Ernesto keucht. Er schwitzt unter der wattierten Jacke. Alter Schnee. Hingeschneit im vergangenen Winter auf den alten des Vorjahres. Angetaut, versulzt, eingefroren. Wieder erwärmt und wieder einfroren. Die Furchen immer tiefer, die Oberfläche immer härter. Mein Lebenslauf, denkt Ernesto. Mit jedem Stoss, mit dem er die Spitze des Eispickels durch die Eiskruste treibt, mit jedem der in den Schnee gestampften Schritte, mit jedem Schnauf denkt er es. Das bin ich.
Er heisst nicht Ernesto. Er heisst Ernst-August. Ernst-August der Flieger. Der Verrückte. Er kennt seine Cessna wie nichts sonst auf der Welt. Jede Schraube an ihr. Jedes Geräusch. Das Knattern, wenn er sie am Propeller anwirft, der Motor anspringt. Das Sirren und Schlagen, wenn sie im Steigflug auf allen vier Kolben Höchstleistung feuert. Das Brummen, wenn sie auf Flughöhe durch die Lüfte gleitet. Luftbraut. So nennt er sie. Seine Cessna Aerobat, ein leichter Zweisitzer, mit dem sich auch einfache akrobatische Figuren fliegen lassen.
Mit Paul hat er sich wilde Himmelsduelle geliefert. Loopings. Schrauben. Sturzflüge. Paul mit seiner selbstgebauten Ultraleicht, mit der er an einem wolkenlosen Sommertag abgestürzt ist. Sitz nicht sauber fixiert, beim Starten nach hinten gerutscht, den Steuerknüppel mitgerissen. Nase nach oben. Strömungsabriss. Rückwärts abgestürzt in eine Scheune. Paul. Sie haben sich jeden Tag gesehen. Kein Tag, an dem sie nicht in der Luft gewesen sind. Segelflieger hochziehen, mit Flugschülern oder Alpenrundfluggästen unterwegs. Start, Landung, Start, Landung, Start. Selten, dass sie gemeinsam geflogen sind. Wenn, dann abends, kurz vor der Dämmerung, wenn die Zeit für eine Flugstunde  nicht mehr gereicht hat. Eine Spritztour zu den Alpengipfeln, im Wettlauf gegen die untergehende Sonne. Zusammen essen gegangen, Bier getrunken. Geredet. Über Fliegerei und anderes, geschwärmt, gespottet und gelacht.
Ernesto bleibt stehen, atmet durch, betrachtet den Himmel, während er verschnauft. Mit Himmel kennt er sich aus. Eine hoch aufgepeitschte Wolkenfahne klebt am Gipfel, zu dem er unterwegs ist. Ernesto zieht die Augenbrauen zusammen. Umkehren? Aufgeben schon beim ersten Zeichen? So wie mit Amelia?
Pauls Tod hat ihn zufrieren lassen. Da ist Amelia in sein Leben getreten. Amelia wie die Flugpionierin Amelia Mary Earhart. Seine Amelia - Amelia Ferretti - war keine Pilotin. Als er sie das erste Mal mitgenommen hat in der Cessna - von Beromünster aus übers Jungfraujoch hätten sie fliegen wollen, es war ruhiges Flugwetter - , da übergab sie sich, noch bevor sie Flughöhe erreicht hatten, in eine der Papiertüten, die er unter den Sitz legte, wenn er Passagiere flog. Sie versuchten es noch ein paar Minuten, aber Amelia würgte und er kehrte um. Bei der Landung auf der Graspiste übergab sie sich erneut.

Dem Himmel abhanden, 2020

4


Was von ihm bleibt, ist dieses Bild. Ein vergilbtes Foto, kleinformatig, ausgezahnter weisser Rand. Er steht im Platanenhain unterhalb des Klostergartens, die Geige zwischen Kinn und Schulter, die Bogenhand zum Spielen angesetzt. Er hat sich schön gemacht, trägt Anzug und Krawatte. Das Haar ist sauber gescheitelt und mit Pomade zur Seite gekämmt. Er schaut nicht in die Kamera, der junge Mann. Sein Blick ist am Fotografen vorbei in die Ferne gerichtet, verträumt, ahnungsvoll. Ein gestelltes Bild, ohne Zweifel, professionell komponiert im goldenen Schnitt, die Grotte rechts in den richtigen Winkel gesetzt ohne sie anzuschneiden, das sommerliche Schattenspiel des Blätterdaches meisterhaft eingefangen. So meisterhaft und lebendig, dass man das leise Rascheln der Platanen zu hören glaubt, wenn man nur genug hineinlauscht, und das helle Tropfen des Wassers, ununterbrochen, vom Moos in das dämmrig stille Grottenwasser, auf dessen Oberfläche sich Ringe ausbreiten ohne Unterlass. Nur der Geiger steht da, träumend eingefroren, dem Leben entrückt.
In Liebe ewig dir verbunden, steht auf der Rückseite des Bildes. Die Tinte ist verblasst, aber noch lässt sich die Schrift lesen zwischen den Stockflecken, alte deutsche Handschrift. Durch ausbleichende Federstriche schimmert da und dort der Entwurf aus Bleistift, den der Schreiber angelegt haben mag, bevor er mit der Feder die Reinschrift nachzog. Keine Unterschrift. Kein Datum.
Seine Liebste war eine Gärtnerstochter. Der Fülle ihres krausen Haares waren weder Kamm noch Seidenband gewachsen. Kaum hatte sie es im Nacken gebunden, wanden sich schon erste Strähnen aus dem Bändel. Nicht einmal ein satt geflochtner Zopf konnte dies verhindern. Feine Löckchen kräuselten sich an ihrem Haaransatz. Sie wuchsen ständig, fanden sich zu langen Rollen, die vor ihren Augen tanzten, wenn sie sich bewegte. Sie strich sie zurück und steckte sie manchmal, um für kurze Zeit Ruhe zu haben, mit dem Finger unter das straff nach hinten gebundene Haar. Wenn sie schwitzte, klebten kleine Kringel an ihrem Ohr, schmiegten sich an die Haut ihres Halses. Sie waren feucht und dunkel und dufteten nach Erde und Wald.
Oh ja, er war verliebt, der junge Geiger! Hoffnungslos, seit er sie das erste Mal gesehen hatte am Markt in Baden, an einem kühlen Samstag im März. Sie hielt Setzlinge feil und hübsch gebundene Veilchensträusse. Sie trug eine alte Wolljacke und einen Schal, den sie um Hals und Kopf geschlungen hatte. Ihr Haar quoll üppig darunter hervor. Sie hauchte sich wärmend in die Hände und wartete auf neue Kundschaft. 

Der Grottengeiger, 2009